Das Tattoo
Tatsächlich, es funktionierte: Arr hatte wieder Kontakt zu He, der inzwischen aufgestanden und empfänglich für die Neuigkeiten aus Schanghai bzw. Da Chang war. Auch für Ka und Lu war die Doppelpräsenz beidseitig wiederhergestellt.
„Sieht ja aus wie in einem Atombunker“, kommentierte He die Kamerafahrt, die Arr ihm mit seinem Spaziergang in Live-Übertragung durch die Gänge bot. Dann zeigte ihm Arr nochmal ausdrücklich ihren Schlafraum, den zu nutzten He ja ebenfalls in wenigen Tagen bevorstand. „Und und was macht unser kleiner Kaiserspieler, Yushiao, unser Zimmergenosse?“ Fragte er wie beiläufig, als Arr seinen Kamerablick über das Möbiliar des Raumes schweifen ließ.
„Ich weiß nicht, was der macht. Ich weiß nicht einmal, wo der ist. Vielleicht wohnt er hier im Bunker mit anderen zusammen. Wäre nicht schlecht, wenn er bei Jüngeren unterkäme.“
Kurze Zeit später, als Xiao gerade dabei war, seine Gruppe zusammenzuführen, um sie auf die neue Umgebung einzustimmen, fragte Arr ihn nebenbei: „Wo ist denn Yushiao?“
Xiao schaute ihn verdutzt an, dachte nach und schüttelte wortlos den Kopf. Nun offensichtlich beunruhigt, begann er die Suche nach dem Jungen und verschwand. Als er über eine Stunde später wieder ohne den Vermissten erschien, zeigte Xiao sich verschlossen und gab keine Erklärung zum Verschwinden des Klons. Die Kinder gaben sich schnell mit der Ankündigung zufrieden: „Der kommt bald wieder“ gefolgt von irgendetwas Undeutlichem, wonach dem Jungen schlecht geworden sei, hätte zum Arzt gemusst oder etwas Ähnlichem. Jedenfalls störte sich außer den Klonen aus Frankfurt keiner an seiner Abwesenheit.
„Du hattest mich doch vor einiger Zeit nach einem Tattoo gefragt, das dir damals an Yushiaos Besucher aufgefallen war, und das du aufgemalt hattest. Hast du das noch?“ fragte Xiao Arr mit einem besorgten Gesicht. Tja, wo hatte Arr jetzt nach dem Umzug diesen Zettel hingesteckt? Keine Chance. „Ich kann das aber nochmal aufzeichnen, wenn du willst“, bot Arr ihm an, „das dauert allerdings ein bisschen“.
Beim Abendessen, das wunderbar üppig ausfiel, aber wegen verschiedener Bestandteile, die von Lus und Arrs implementiertem Diätenkontroller nur eingeschränkt zugelassen wurden, hatte Arr seine Zeichnung seinem Betreuer übergeben, so dass Xiao sich gleich nach der Mahlzeit daran machte, mit der Skizze im Netz zu recherchieren. Er stieß auf die Beschreibung einer Gruppe, bei der die meisten ihrer Mitglieder ein Zeichen eingebrannt hatten, das dem von Arrs Zeichnung sehr ähnlich sah. Es schien sich um versprengte Freischärler zu handeln, die sich mit einer langen Tradition brüsteten. Aus der Selbstdarstellung auf ihrer Website ging hervor, dass sie vor vierzig Jahren als heimliche Privatschutzmacht des Japaners Fujimori fungiert hatten, der im Peru der neunziger Jahre bis zum Ende des zweiten Jahrtausends Präsident war. Ihre Wurzeln gingen nach eigenem Bekunden sogar zurück in die Zeit der Besetzung der Mandschurei durch rechtsradikale Armeeteile der Japaner. Ihr Sendungsbewusstsein galt ungebrochen über die Niederlage im Zweiten Weltkrieg hinweg dem japanischen Kaiserhaus. Um Repressalien im Nachkriegsjapan zu entgehen, gründeten sie eine organisatorische Einheit im fernen Südamerika, gleichsam als Exilstützpunkt, die im Untergrund agierte und durch Gefasel von traditioneller Samurai-Ehre Nachwuchskräfte unter Einheimischen aber auch außerhalb des Landes anwarb und für ihre Zwecke paramilitärisch ausbildete. Xiao stauntet. Das kam ihm alles bekannt vor. Er las weiter.
Nach Fujimoris Niedergang hatte sich ein Teil seiner militanten Unterstützergruppe ins Grenzgebiet zu Ecuador auf ein peruanisches Anwesen namens Cachaquito, kaum 5 Kilometer vom Grenzübergang La Tina entfernt, zurückgezogen. Das bauten sich diese Militanten als eine Art militärischen Stützpunkt aus. Dort in den fast menschenleeren Pampas konnten sie unbehelligt bleiben. Für ihre paramilitärische Elitetruppenausbildung hatten sie mit den Jahren eine entsprechende Infrastruktur aufgebaut, durch die sie sich vor allem so etwas wie die Lufthochheit über ihrem Standort verschafften. Jedes Mitglied der Einheit bekam ein Tattoo über dem linken Schulterblatt eingebrannt, das eine Lotusblüte, umrankt von einem Kranz ineinander verschränkter Samurai-Schwertern, zeigte. Mit Flugzeugen kontrollierten sie das ausgedehnte Gelände, nicht nur um Beobachter ihrer Fallschirmübungen fernzuhalten, sondern um alles, was sie für einen Spion hielten, so früh wie möglich auszuschalten. Für den Ausbau und Unterhalt der Anlage kamen ihnen beachtliche Finanzmittel zugute, die vermutlich unter Fujimoris Regime aus dem peruanischen Staatshaushalt an japanische Freunde des Präsidenten geflossen waren. Möglicherweise gelangten auch Unterstützungsgelder einer weltweit agierenden Nichiren-Sekte namens Soka Gakkai hierhin. Obwohl die Präsidentschaft Fujimoris schließlich mit einem politischen Absturz und er selbst im Gefängnis endeten, galt sie unter seinen Gefolgsleuten als Beweis ihrer rassischen Überlegenheit und ihres Vorherrschaftsanspruchs. Der war, davon waren diese Leute überzeugt, in Geburt und Blut begründet, das heißt in ihrem Erbgut. Dass Fujimori der Sohn von Baumwollpflückern war, tat dem keinen Abbruch. Genauso wenig wie die Nazis sich hindern ließen, ihren Rassereinheitsfanatismus durch einen Klumpfußkrüppel zu verkünden, verzichteten die japanischen Rassefanatiker in Peru auf die Rekrutierung gewalttätiger Krimineller aus Südamerika. Deren genetische Verwandtschaft mit Samurai-Familien hätten höchstens durch die Abstammungsrückführung auf einen gemeinsamen Hominidenahnen aus Zeiten des Neandertaler-Sterbens vor hunderttausenden von Jahren nachgewiesen werden können. Die Anführer der Untergrundgruppierung, die immer noch an einen Gottkaiser glaubten, waren von der Überlegenheit der Aristokraten Asiens durch Geburt so überzeugt, dass sie, um ihre alten Großmachtvorstellungen wiederzubeleben, Ausschau nach einem biologisch und erbrechtlich legitimierbaren Nachfolger des chinesischen Kaisers hielten, der allerdings wie gehabt nur von Japans Gnaden zu inthronisieren war.
Xiao konnte sich auf das, was er da über diese Symbolfigur des Tattoos in Erfahrung gebracht hatte, gar keinen Reim machen. Er hatte gehofft, durch seine Recherchen Zusammenhänge mit dem Verschwinden Yushiaos herauszufinden. Leider war er aber bei diesen Versuchen völlig auf sich gestellt. Denn nachdem Xiao festgestellt hatte, dass das Kind fehlte und bei seinen Vorgesetzten wie vorgeschrieben unverzüglich Meldung gemacht hatte, redeten sie zu seiner Verwunderung das Verschwinden des Klonjungen klein. Ihr Verhalten machte ihm deutlich, dass es da etwas zu verbergen gab.
Xiao war tief beunruhigt. Er war besorgt um seinen Arbeitsplatz und durfte jetzt keinen Fehler machen. Eigentlich hätte er, was seine Verantwortung als Erzieher betraf, erleichtert sein können, da ihm keine Vorwürfe gemacht wurden. Dennoch fühlte er sich dafür schuldig, dass ausgerechnet aus seiner Gruppe ein Junge abhandengekommen war. Erklärungen gaben sie ihm aber auch nicht. Er hatte im Gefühl, dass da etwas Größeres schwelte. Es musste einen Zusammenhang zwischen dem Tattoo und dem Kaiserprinzenspiel geben, nur welchen?
Die Früchte der Doppelpräsenz
Schon zehn Tage später, am 6. Juni 2033 war der nächste Zwillingswechsel vorgesehen. Die Jungen in Schanghai hatten sich in das Bunkerdasein ganz gut eingewöhnt. Selbstverständlich vermissten sie nach einiger Zeit die Außenwelt, obwohl sie sich hemmungslos unter der Erde in einer Sporthalle und einem Schwimmbecken, das allerdings kleiner als ihr gewohntes war, austoben konnten.
Arr und Ka waren aber froh, als Xiao ihnen endlich bedeutete, sich für den Flug nach Frankfurt vorzubereiten. Er hatte abgeklärt, dass der Meteoreinfall nicht kurzfristig sondern erst in einigen Tagen erwartet wurde. Zum Glück fanden noch Flüge nach Frankfurt und wieder zurück statt. Allerdings erfolgte die Bestätigung der Starttermine nur vorbehaltlich unerwarteter Ereignisse am Himmel. Noch war es nicht soweit, dass Flugverbindungen gestrichen werden mussten. Die Annäherung des Meteors wurde stündlich durch präzisere Entfernungsangaben der Weltöffentlichkeit mitgeteilt. Aber für das so häufig angekündigte Meteorzerstörungsmanöver war die Zeit immer noch nicht reif. Darum war es nur vernünftig, weiterhin business as usual zu halten. Somit war auch die Ankunft von He und Lu, um Arr und Ka zu ersetzen, bis jetzt nicht in Frage gestellt. Es war vorgesehen, dass Peixian die beiden Klonjungen von Frankfurt hierhin begleitete. Xiao sollte nicht mit ihr zurückfliegen, nachdem er Arr und Ka im Öder Weg abgeliefert hatte, sondern deren Betreuung dort wie gewohnt fortsetzen.
Der Flug nach Deutschland erwies sich zum Glück als unproblematisch, auch wenn auf den Flughäfen wegen der drohenden Katastrophe deutlich hektischeres Treiben spürbar war. Das musste auch Peixian mit ihren beiden zwölfjährigen Schützlingen auf ihrem Flug in entgegengesetzter Richtung erfahren. Doch alles in allem gab es auch aus Richtung Frankfurt keine wirklichen Komplikationen. Erst nach der Ankunft im Pu Dong Flughafen änderte sich für die Quartalspendler der gewohnte Reiseablauf, weil sie diesmal zum Schutzbunker nach Da Chang statt zum Kinderhospital in der Schanghaier Innenstadt fahren mussten. Damit sie den Weg dorthin und innerhalb des Bunkergeländes leicht fanden, hatte Xiao Peixian noch vor seiner Ankunft in Frankfurt den speziell vorprogrammierten Navigator - natürlich verschlüsselt - übermittelt. Er hatte ihn selbst als Zielfinder beim Umzug zum Bunker innerhalb des Großbaustellengewirrs genutzt. Um jetzt aber den Weg dorthin zu finden, musste Peixian sich zunächst noch auf den am Flughafen angeheuerten Taxifahrer verlassen, der vorgab, bestens Bescheid zu wissen. Was natürlich nicht stimmte, da sein Navi nicht angeben konnte, durch welches der noch im Bau befindlichen Zugangstore er ins Innere der Anlage gelangen konnte. Doch He und Lu zeigten bei dieser Gelegenheit den Effekt der Doppelpräsenz und konnten so tun, als brauchten sie sich nur in Erinnerung zu rufen, in welches Tor des riesigen Baugeländes sie hineinfahren mussten. Sie ließen dafür das Taxi erst einmal anhalten, baten um etwas Geduld und spielten vor bebrillten Augen die von ihren Zwillingsbrüdern übersandten Aufzeichnungen von deren damaliger Anfahrt per Bus ab, bis ihnen klar war, woran sie sich jetzt orientieren mussten, um an die richtige Einlassstelle des Baugeländes zu gelangen. Als das bei den Zwölfjährigen auf Anhieb nun aber doch nicht zum gewünschten Erfolg führte, weckten sie schließlich ihre zweiten Ichs in Europa und baten sie mitzuschauen, wie der Taxifahrer zu fahren hatte. Der hatte das riesige Baugelände inzwischen schon zum zweiten Mal komplett umrundet, um an den geeigneten Startpunkt der Suche, das war die Abfahrt der Schnellstraße aus Schanghai, zurückzukehren. Nun übernahmen die beiden Klone in Frankfurt die Anweisungen für den Fahrer. Sie versuchten durch die Brillen ihrer Zwillinge im Taxi die Umgebung wiederzuerkennen und mit der Aufzeichnung ihrer damaligen Fahrt abzugleichen. Sie hatten zwar vor zehn Tagen die Anfahrt ja auch nur einmal erlebt. Aber mit vereinten Kräften gelang es den Vieren schließlich, dem Lenker des Taxis die richtigen Anweisungen zu geben, um endlich zum passenden Einfahrttor zu gelangen. Dann tauchte das nächste Problem auf. Das Fahrzeug war zum Einlass in den Tunnel nicht freigegeben. Zum Glück wusste der Pförtner an der Schranke für Abhilfe zu sorgen. Doch zuerst mussten die Drei die verlangte Identifikationsprozedur über sich ergehen lassen. Er rief ein fahrerloses Elektrofahrzeug herbei und ließ von Peixians Gerät die Navigationsdaten, die Xiao ihr übermittelt hatte, als Routenvorgabe auslesen. Leise elektrisch vor sich hin summend beförderte das vollautomatische Fahrzeug nun die drei Ankömmlinge schnurstracks zum Kinderprojektbereich. Den konnten sie unbehelligt betreten. Auch die Kommunikationsverbindung von He und Ka nach Frankfurt funktionierte erfreulicherweise uneingeschränkt. Die beiden Neueingetroffenen ließen sich perfekt in ihre unterirdische Behausung dirigieren, als hielten sie sich hier schon seit Tagen auf. Jedenfalls wirkten sie so auf ihre Heimkameraden, vor denen der Zwillingsaustausch geheim gehalten wurde. Als Grund ihrer Abwesenheit während der vergangenen Stunden galt, dass sie sich zusätzlichen Untersuchungen hatten unterziehen müssen. Aus Sicht der Mitbewohner sollte egal sein, mit welcher Zwillingshälfte sie es bei den beiden Paaren ArrHe und LuKa zu tun hatten. Und so war es auch, weil der Austausch gewöhnlich nahtlos vonstattenging.